München, Deine Medien – und 7 Wege aus der Filterblase

Was ich an München vermissen würde? Das ist die Frage der Blogparade von blog.muenchen.de. Ganz klar: Die anspruchsvollen Zeitungen, die engagierten Blogger, Journalisten und Medienmacher, die vielfältigen Verlage, die Hörfunk- und Fernsehsender und eine wache Internet- und Startup-Szene. Was München und seine Informationsfülle mit Ihrem Ausweg aus der Filter Bubble zu tun hat, das lesen Sie hier.

In München zu sein, das bedeutet für mich Informationsfülle:

  • Das Streiflicht lesen in der Süddeutschen Zeitung.
  • Im Merkur etwas über die Finanzierung für den Bau der zweiten Stammstrecke erfahren.
  • Auf die Münchner Webwoche gehen und Impulse rund um die Smart Social City bekommen.
  • Auf dem Münchner Bloggerstammtisch interessante Blogger treffen.
  • Ein Barcamp besuchen.
  • Im Literarischen Salon Autoren und Lesende treffen und mit ihnen über aktuelle Themen diskutieren.

München ist für mich Vielfalt an Positionen, Medieninnovationen, Vernetzung und viele kluge Menschen, die Medien gestalten.

Wenn ich von München wegziehen würde – das alles würde mir sehr fehlen. Und noch viel mehr, denn nicht nur die Inspirationen in München sind vielfältig, auch die mediale Unterhaltung ist aus meinem Leben nicht wegzudenken: Das Betthupferl anhören um kurz vor acht in Bayern 1 oder „Unter unserem Himmel“ und „Lebenslinien“ im Bayerischen Fernsehen anschauen. Und natürlich die vielen Geschichten und Serien, die in München spielen, ich sage nur Baby Schimmerlos! München ist eine Weltstadt mit Medien mit Herz. Ein Herz, das sich durch die digitale Transformation auf einen neuen Takt einstellen muss. Ein Beispiel gefällig?

Ein Frühstück im Zeitalter der digitalen Transformation

Zum Ei und zur Butterbreze gibt’s kein Zeitungsgeraschel mehr, sondern wir lesen auf dem Tablet, was uns Facebook so in den Stream spült. Sonst nichts, denn wir müssen dann schon wieder weg. Und wenn was Wichtiges passiert, wird es uns die n-tv- oder Tagesschau-App schon auf dem Smartphone anzeigen. Ein Frühstück in der Filterblase, z.B. in München oder anderswo.

Filterblase, Filter Bubble, was soll das sein? Irgendetwas Chemisches? Nein, dieser Begriff bezeichnet das Phänomen, dass wir uns – wenn wir uns nur über das Lokal- und Weltgeschehen über Facebook oder Google auf dem Laufenden halten – in einer Blase befinden. In einer Blase, die nur Nachrichten enthält, die die Menschen, mit denen wir in Verbindung stehen, geteilt haben oder die der Facebook-Algorithmus zulässt.

Die Filterblase wurde von dem Internetaktivisten Eli Pariser erstmalig beschrieben. Laut Pariser entsteht sie, weil Webseiten versuchen, algorithmisch vorauszusagen, welche Informationen Sie auffinden möchten. Die Basis für diese Vorhersagen bilden die Informationen, die Sie im Netz hinterlassen, z.B. über Ihren Standort, Ihre Suchhistorie und Ihr Klickverhalten. Das Ergebnis: Die Blase um uns herum isoliert uns. Informationen, die nicht Ihrem Standpunkt entsprechen, dringen nicht zu Ihnen durch.

Das Zeitgespräch und wer bestimmt, was wir davon mitbekommen

Früher sind wir zum Zeitungskiosk am Nockherberg gegangen, haben uns ein paar Zeitungen gekauft, um dann in Ruhe beim Sonntagsfrühstück zu lesen. Heute ist Facebook dieser Kiosk, durch den wir das Haus nicht mehr verlassen müssen. Facebook hat sich vom sozialen Netzwerk zu einem zentralen Newsfeed entwickelt.

Jedoch: Wir schenken bei der Informationssuche unser Vertrauen einem Monopol, einem der weltweit größten Werbeanbieter, der sich keinem journalistischen Ehrenkodex verpflichtet. Und eine Suchmaschine hat die Macht, darüber zu entscheiden, was wir im Netz finden.

Doch wie sollen wir uns ein Bild von der Wirklichkeit machen, wenn wir nur einen Ausschnitt davon zu sehen bekommen? Wie sollen wir andere Fakten, Positionen und Erkenntnisse kennenlernen, die uns klügere Zukunftsentscheidungen ermöglichen? Wie finden wir für unsere Orientierung relevante Nachrichten zum Danachrichten?

Diese Fragen waren bereits vor der digitalen Transformation schwer zu beantworten, denn schon von jeher stellte eine neutrale, ausgewogene Berichterstattung über das Geschehen um uns herum eine Herausforderung dar. Anfang der Neunziger habe ich Kommunikationswissenschaften an der LMU in München studiert, schon damals waren das wichtige Themen. Schauen wir uns vier Aspekte an, die seit vielen Jahren für eine Vorstufe der Filterblase gesorgt haben:

  1. Den neutralen Journalisten gibt es nicht. Der Gatekeeper, also der Mensch, der entscheidet, welche Meldung es in die Nachrichten „schafft“, entscheidet auf Basis der Nachrichtenwerte und persönlicher Erfahrungen, Meinungen und Urteile, welches Ereignis es wert ist, dass man drüber berichtet. Dazu kommen die Blattlinie, die Einstellungen des Herausgebers, Intendanten, Chefredakteurs, Ressortleiters oder des Chefs vom Dienst. Die Schere beginnt im Kopf. Mein Buchtipp zum Thema: „Unsere tägliche Desinformation. Wie die Massenmedien uns in die Irre führen.“ 1992, von Wolf Schneider, Bernd Matthies, Matthias Naß.
  2. Die Schweigespirale macht Mehrheitsmeinungen, die keine sind. Die Theorie der Schweigespirale wurde in den 1970er-Jahren von Elisabeth Noelle-Neumann formuliert. Sie beschreibt, wie öffentliche Meinung entsteht. Demnach hängt die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der Einschätzung des Meinungsklimas ab. Widerspricht die eigene Meinung der als vorherrschend betrachteten Meinung, so gibt es Hemmungen, sie zu äußern, und zwar umso stärker, je stärker der Gegensatz empfunden wird. Es entsteht eine Spirale. Die Massenmedien, vor allem das Fernsehen, können erheblichen Einfluss auf die Leser, Hörer, Zuschauer und damit auf die öffentliche Meinung ausüben, indem sie eine Meinung als vermeintliche Mehrheitsmeinung präsentieren und auf diese Weise Andersdenkende davon abhalten, sich zu äußern.
  3. Nicht alle Medien müssen das ganze Spektrum an Positionen abbilden: Der Staat hat die Medien nach zwei Prinzipien organisiert: Erstens: Ein Anbieter muss dem ganzen Spektrum an Positionen Raum geben. Das nennt sich Binnenpluralität und gilt für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter. Sie müssen die verfassungsrechtlich geforderte Vielfalt des Programmangebots und des Meinungsspektrums innerhalb eines Programms bzw. eines Gesamtangebots eines Rundfunkveranstalters darstellen. Das Gegenteil ist die Außenpluralität: Viele Anbieter vertreten jeweils eigene Positionen und bilden im Ganzen die Meinungsvielfalt ab. Nach dem außenpluralen Prinzip stellt die Vielfalt von privaten Fernseh-Programmanbietern und von Pressebetrieben die nötige Ausgewogenheit her. Nicht allen Menschen sind diese Prinzipien bewusst. Nicht alle wissen, dass es „erlaubte“ Tendenzen gibt, dass „neutrale“ Berichterstattung ein dehnbarer Begriff ist und dass sie eigentlich drei Tageszeitungen lesen müssten, um das ganze Bild zu bekommen.
  4. Zwei Drittel der Berichterstattung in den Medien beruhen auf PR. Die Kommunikationswissenschaftlerin Barbara Baerns untersuchte 1981 die auffällige Übereinstimmung der Berichterstattung verschiedener Medien zu jeweils einem Thema und kam zum Ergebnis, dass 60-70 % der Berichterstattung in den Medien auf Öffentlichkeitsarbeit zurückgehen. Wo bleibt da das journalistische Berufsbild des freien kritischen Berichterstatters? Der Berufsethos geht unter bei Termindruck und schrumpfenden Redaktionen im arbeitsteilig und großbetrieblich organisierten Nachrichten-Produktionsprozess. Wer keine Zeit hat, beschränkt sich auf die Reduktion der Informationsvielfalt sowie auf die unterschiedliche Interpretation, Selektion und medientechnisch-dramaturgische Umsetzung des vorgegebenen Materials. Der Aussagegehalt von PR-Botschaften wird durch Journalismus selten verändert.

Ihr sollt Euren eigenen Weg gehen!

Und jetzt kommt als fünfter Faktor noch die Filterblase durch die Social Media dazu. Die Folgen der Online-Echokammern und Spiegelkabinette sind bereits sichtbar: Ob Brexit oder der extrem emotionalisierte Wahlkampf in den USA – das postfaktische Zeitalter lässt grüßen.

Gibt es einen Ausweg aus der Filterblase? Damit aus der Informationsdiät keine Informationslücken werden? Ja. Was für die Jünger von Brian gilt, ist auch für uns als Medienrezipienten wichtig:

  1. Gehen Sie Ihren eigenen Weg der Informationsaufnahme und recherchieren Sie auf neuen Wegen.
  2. Bleiben Sie neugierig.
  3. Nutzen Sie unterschiedliche Medien.
  4. Nutzen Sie anspruchsvolle Medien und Informationsdienste, für die Sie bezahlen. Denn: Wenn es kostenlos ist, sind Sie das Produkt!
  5. Investieren Sie in Ihre Quellenkompetenz: Was ist glaubwürdig? Seriös recherchiert? Ein Hoax, ein Gerücht, eine falsche Behauptung? Wo finde ich menschliche Kuratoren statt Filter-Algorithmen?
  6. Trainieren Sie Ihre Reflektions- und Diskursfähigkeit und setzen Sie sich bewusst, z.B. mit Autoren und ihren Büchern auseinander, deren Meinung Sie nicht teilen. Besuchen Sie einen Bücher- oder Debattierclub.
  7. Informieren Sie sich IRL (in real life): Es gibt ein sehr lehrreiches Leben außerhalb der Filterblase. Wer z.B. am Medienstandort München lebt, hat die Möglichkeit, eine Vielzahl renommierter Informationsangebote zu nutzen und mit Experten direkt zu kommunizieren: Tageszeitungen, Magazine, Messen, Barcamps und Kongresse, Autorenlesungen, Netzwerkveranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Vorträge von Experten…

Information säen, Erfolg ernten – so lautet mein Motto. Wer Information säen möchte, muss zuerst wertvolle Information sammeln, aufbereiten, in Kontext setzen. Wer informieren möchte, muss gut informiert sein. Wer Experte, Vordenker sein will, sein Image und seine Reputation aufbauen möchte, muss die richtigen Nachrichten zum Danachrichten finden. Damit Sie Experte bleiben, damit Sie die richtigen Entscheidungen fällen und die hilfreichen Empfehlungen geben können.

Ich nehme mit diesem Beitrag an der Blogparade der Landeshauptstadt München teil und freue mich auf viele andere wertvolle Impulse von Bloggern aus der Medienstadt München!

Wie sieht Ihre Informationssuche aus?

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2 Kommentare zu “München, Deine Medien – und 7 Wege aus der Filterblase

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