Schneckentempo oder Affenzahn – wie Sie Ihr Schreibtempo finden

Schnell schnell – letzte Zeile, letztes Wort! Stift fallen lassen! Zeitdruck beim Schreiben kennen wir vor allem noch aus der Schule oder der Ausbildung. Beim kreativen Schreiben, also beim Schreiben ohne Noten oder Bewertung – nur für uns selbst – spielt das Tempo eigentlich keine Rolle. Oder doch?

Als ich in die Schule kam, hatte jedes Kind einen Aufkleber auf seiner Mappe mit einem Symbol – der Wiedererkennbarkeit halber. Bei mir war es eine Schnecke. Sehr bezeichnend, denn ich bin ein langsamer Mensch. Ich brauche Zeit. In der Schule war das ein Problem manchmal. Im Beruf ist es das vereinzelt noch heute, wenn schnell ein Bericht von einer Veranstaltung online gehen soll oder eine Deadline für eine Publikation ansteht.

Ich brauchte Zeit, um herauszufinden, dass ich eben mein ganz persönliches Schreibtempo habe: Ich brauche meine Zeit zum Schreiben von Presseinformationen, Artikeln, Interviews, Büchern und Vorträgen. Ich gönne mir Pausen, nutze Inspirationen unterschiedlichster Quellen, um dann wieder umso konzentrierter an einem Text arbeiten zu können. Je mehr ich schreibe, desto schneller werde ich. 30 Jahre Schreiberfahrung geben mir die Sicherheit, dass ich zügig einen Text zu Papier bringen werde. Bei neuen Themen jedoch plane ich von vorne herein Zeitpuffer ein: Für Recherche, Gliederung und Planung des Plots, Korrekturen, Überarbeitung.

Beim kreativen Schreiben oder beim schreibenden Nachdenken spielt das Schreibtempo in der Regel eine untergeordnete Rolle. Und doch kann man das Tempo variieren, um zu unterschiedlichen Ergebnissen zu kommen. Sehen wir uns mal „schnelles“ und „langsames“ Schreiben genauer an:

Schreiben Sie langsam!
Die Entdeckung der Langsamkeit  ist nicht nur ein gutes Buch von Sten Nadolny, sondern auch eine wunderbare Reise, auf die wir uns schreibend begeben können: Langsam schreiben. Genießen. Die Wörter willkommen heißen, sich auf Formulierungen einlassen, umformulieren, nachdenken, erneut schreiben. Dem Geschehen, der Geschichte Zeit geben. Zeit beim Entstehen. Zeit in der Handlung. Zeit für genaues Hinsehen, Details, kluges Beobachten. Schreiben mit allen Sinnen braucht Zeit.

SchnellschreibenLangsam schreiben ist Schreiben ohne Druck. Ohne Erfolgszwang. Einfach nur schreiben, was geschrieben werden muss. Ein Absatz in einer Stunde? Warum auch nicht?

Wenn eine Geschichte Form annimmt, kann es passieren, dass sich das Schreibtempo durchaus verändert, dass das Schreibfieber ausbricht, man in den „Schreibflow“ kommt und man schreibt und schreibt und schreibt, ohne Unterlass, ohne Pause. Weil es fließt. Zehn Romanseiten in zwei Stunden? Kein Problem!

Schreiben Sie schnell!
Manchmal kann das Schnellschreiben die Kreativität und die Experimentierfreude fördern und neue Gedanken auf‘s Papier oder den Bildschirm zaubern. Die Techniken: Automatisches Schreiben oder Freewriting. Beides ist so einfach wie wirkungsvoll: Nehmen Sie sich Papier, einen Stift, eine Stoppuhr und schreiben Sie einfach los. Nicht denken, einfach schreiben. Alles, was daherkommt, schreiben Sie schnell, ohne Pause, vergessen Sie alles, was Sie über Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung wissen. Niemand braucht es zu lesen. Wenn Sie nicht wollen, nicht mal Sie selbst! Nach zehn Minuten hören Sie auf und machen etwas anderes.

Manchmal finde ich in dem so entstandenen Text brauchbare Ideen, manchmal ist es ein Wegwerfprodukt, das einfach nur meinen Schreibfluss in Gang gesetzt und eine Schreibblockade gelöst hat. Wichtig ist, dass Sie Ihren inneren Kritiker oder Zensor komplett ausschalten und Sie den Text beim Schreiben nicht redigieren, sondern nur schreiben.

Und, sind Sie jetzt aufgewärmt? Ein wunderbares Buch dazu ist übrigens das Werk von Mark Levy mit dem Titel „Accidental Genius: Using Writing to Generate Your Best Ideas, Insight, and Content“ mit jeder Menge Tipps zu dieser bewährten Schreibtechnik. Auf Deutsch ist im September 2014 ein Buch von ihm erschienen mit dem Titel „Geniale Momente: Denken durch Schreiben“.

Schreibexperimente mit Schneckentempo und Affenzahn
Probieren Sie es doch mal aus: Wählen Sie ein Thema für einen Essay, eine Geschichte, eine Überschrift für einen Blogartikel oder eine Frage und schreiben Sie die erste Hälfte des Textes langsam für 30 Minuten. Schreiben Sie die zweite Hälfte nach der Schnellschreibmethode für zehn Minuten. Und? Stecken unterschiedliche Ideen drin? Oder die gleichen? Beim nächsten Schreibexperiment können Sie zuerst schnell, dann langsam schreiben.

Wenn Sie an größeren Schreibprojekten arbeiten und Sie sich ein tägliches Wörterpensum vorgenommen haben, dann beobachten Sie doch einmal, wie lange Sie z.B. für die täglichen 4.000 Wörter Ihres Romans brauchen:
Verändert sich die Schreibdauer?
Werden Sie schneller?

Immer wieder habe ich beobachtet, dass eine Beschränkung, d.h. man schreibt in einem definierten Rhythmus eine gewisse Menge von Wörtern oder Zeichen oder für eine festgelegte Dauer, die Produktivität beim Schreiben erhöht.

Ob schnell oder langsam – ich schreibe übrigens am liebsten mit der Hand auf Papier. In Notizbücher, zusammen mit anderen Menschen in einer Schreibwerkstatt. Besonders gerne schreibe ich in der Schreibwerkstatt The Magic Bloghouse. Schreiben Sie mit?

Schneckentempo oder Affenzahn – in welchem Tempo schreiben Sie am liebsten?

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