Authentizität: Warum ich graue Haare habe

Authentizität ist heute eines der am meisten geforderten Attribute von Führungskräften und Unternehmer*innen. Und doch ist es nicht immer leicht, authentisch zu sein, vor allem, wenn es um unser Aussehen geht: Ageism, übersetzt Altersdiskriminierung, trifft vor allem Frauen. Ein Erfahrungsbericht über das Grauwerden in der Lebensphase Ü50 und warum es sich lohnt, den Mut dazu aufzubringen.

Es fing alles damit an, dass ich vor einigen Jahren in einer Frauenrunde saß. Sechs Frauen im Wellness-Hotel, ein Retreat-Wochenende, Gespräche über eine goldene Zukunft. Wir saßen am Tisch zur Kaffeepause: Eine Teilnehmerin hatte eine Thermoskanne mit einem Liter Entgiftungstee vor sich stehen, eine weitere berichtete ausführlich von ihrem Fasten-nach-F.X.-Mayr-Aufenthalt auf Teneriffa und wie sie dort eine Stunde auf einem Brötchen herumgekaut hatte.

Ja, gesundheitlich waren wir alle gut aufgestellt: Es gab zwei Veganerinnen in der Gruppe, im Hotel nutzten wir Wellness-Anwendungen und erholten uns beim Schreiben und in der Natur. Als ich so in die Runde blickte, fiel mir auf, dass sich – bis auf die jüngste Frau in der Runde – alle die Haare dunkelbraun bis schwarz färbten. Plötzlich erschien das Weichspüler-Gewissen auf meiner Schulter und flüsterte mir ins Ohr:

„Daniela, Du willst doch gesund leben? Du liebst doch die Natur? Du willst doch authentisch sein? Warum färbst gerade DU dann Deine Haare und schmierst Dir das Gift auf den Kopf? Warum willst Du Stunden um Stunden im Friseursalon zubringen? Warum willst Du überhaupt jünger aussehen? Warum willst Du Deine Lebenserfahrung und Deine ‚Weisheit‘ verbergen?“

Peng. Erwischt.

Ich konnte dem Weichspülergewissen die Fragen nicht beantworten. Zuhause angekommen fasste ich deshalb einen Entschluss: Meine Haare sollen so aussehen, wie Mutter Natur es eben vorgesehen hat!

Neuer Look, neues Glück: Ich fing an, die Haare hochzustecken und nach und nach setzte sich der Salz- und Pfeffer-Look durch. Es dauerte circa ein Jahr, bis die letzten gefärbten Haare aus meiner Haarlänge herausgewachsen waren. Es war eine Veränderung, die ich bewusst gestaltete: Ich holte mir Rat von Styling Coach Jasmin Leheta, denn die neue Haarfarbe hatte auch Auswirkungen auf die Wahl der Farben meiner Kleidung und mein Makeup. Wir passten meine Kleidung an und mit Jasmins Know-how und Unterstützung fühlte ich mich sofort wohl im neuen Look.

Denn weiße Haare zu haben bedeutete für mich nicht automatisch „alt auszusehen“, also grau-/beige-farbige Kleidung mit Popelinejacke und Bügelfaltenjerseyhose mit einem Einheitskurzhaarschnitt zu tragen und dazu einen Urlaub im Reisebus zu buchen. Nein, weiße Haare dürfen lang sein! Ich darf Farbe tragen! Ich darf Spaß an meinem Aussehen haben! Und ja, dazu gibt es auch einen Trend:

  • Granny Style nennt sich der Trend, weiße Haare mit Stolz zu tragen. Ein Teil der Body Positivity Bewegung!
  • Eine wichtige Inspiration sind Frauen wie Iris Apfel und ihre genialen Outfits sowie die wachsende Zahl von Models mit grauen oder weißen Mähnen: Mit 61 Jahren und grauem Haar ist Yazmeenah Rossi beispielsweise als Model erfolgreicher als je zuvor. Auch Carmen Dell‘ Orefice ist mit 85 Jahren als Model gut im Geschäft.
  • Die InStyle schreibt im Januar 2019 darüber, warum graue Haare so im Trend liegen: „Auf der einen Seite stehen die Promis, die ihre ewige Jugend feiern (Heidi Klum oder Madonna), auf der anderen Seite die, die keine Lust auf Fake haben und auf Realität setzen. Dazu gehören zum Beispiel Jamie Lee Curtis, Helen Mirren oder auch die deutsche Moderatorin Birgit Schrowange. Ihr GRAUting 2017 sorgte erst für ein großes ‚Oh‘, doch nach und nach wurde das von den ‚Wow‘-Rufen übertönt.“
  • In einem VOGUE-Artikel wird die selbstbewusste Initiative #GoingGrey vorgestellt, bei der Frauen jeglichen Alters in einem gleichnamigen Instagram-Account Gefühle und Erfahrungen in dem Prozess öffentlich teilen. Die VOGUE schreibt in ihrem Artikel „Graue Haare sind der Klassiker der Zukunft“: „Vorbei die Zeit von übertriebener Jugendlichkeit und einer vom ‚internet idealized‘ Kultur.“
  • Im November 2019 berichtet die Glamour über die neue Grey-Hair-Positivity-Bewegung in ihrem Artikel „Jetzt startet die Revolution der Grauhaarigen“: „Frauen akzeptieren endlich, was ihnen die Natur gegeben hat.“ Glamour stellt in diesem Artikel den Instagram-Account @grombre vor, auf dem sich Frauen mit grauem Haar zeigen. 150.000 Follower schauen bei diesen Geschichten des Grauwerdens schon zu.
  • „Frauen über 50 posten deutlich entspannter und humoriger“ schreibt die Emotion in ihrem Artikel „Deshalb lieben wir die Insta-Accounts der Ü50-Influencerinnen“ und empfiehlt spannende Accounts dvon Frauen, bei denen sich das Folgen lohnt.
  • Auch Fotografen setzen Trends: Der Amerikaner Ari Seth Cohen beispielsweise steht hinter dem beliebten Blog Advanced Style, auf dem er ältere Menschen porträtiert, die sich kreativ und Aufsehen-erregend anziehen. Er ist zudem der Autor und Fotograf der wunderbaren Bücher „Advanced Style“ und „Advanced Style: Older and Wiser“, die eine spannende Inspirationsquelle für Lebenslust und Styling-Können jenseits des fünfzigsten Lebensjahres liefern.

Mein Wohlfühlen mit dem Granny Style wuchs auf vielen Ebenen: Etwas hatte sich deutlich sichtbar an mir und in mir verändert. Immer öfter dachte ich jetzt an meine Großmütter und Urgroßmutter, die ihre weißen Haare mit Würde trugen. Ich fühle mich verbunden mit ihnen.

Ein neuer Look brauchte neue Fotos

Fotograf: Thomas Wieland

Gute Bilder sind wichtig als Greyfluencer. Deshalb ging ich ging zur Fotografin Simone Naumann, ein Jahr später zum Headshot-Fotografen Thomas Wieland, um mich fotografieren zu lassen. Das größte Kompliment bekam ich auf einem Netzwerkabend, bei dem mich eine Frau mit den Worten: „Du siehst ja genau so aus wie auf deinen Fotos!“ begrüßte. Authentizität gelungen!

Ein gutes Gefühl gab mir auch die Unterstützung meiner Familie und meiner Freundinnen. Einige sagten: „Du bist aber mutig!“ und „Deine grauen Haare finde ich wunderschön!“. Das hörte ich oft und es machte mir Mut, weiter zu meinem neuen, echten Look und damit zu mir zu stehen. Aber nicht alle fanden den grauen Look gut. Einmal hörte ich den Satz von einer Netzwerkkollegin: „Eine Frau wie Du muss doch nicht so rumlaufen!“ In ihren Augen tat ich mir keinen Gefallen damit, mein echtes Aussehen zu zeigen und älter zu wirken, als es notwendig ist. Sie wusste: Als Frau muss man es sich doch nicht schwerer machen, als es ohnehin schon auf dem Arbeitsmarkt ist.

Älter aussehen – bekomme ich dann noch Aufträge und einen Job?

Ja, ich weiß, wie schwer sich das Akzeptanz-Thema für Frauen in Führungspositionen oder in der Selbstständigkeit anfühlen kann:

Kompetente Frau. Ach nee.

Kompetente, erfolgreiche Frau. Muss das sein?

Kompetente, erfolgreiche, selbstständige Frau. Oh Mann!

Kompetente, erfolgreiche, selbstständige und authentische Frau. OH MEIN GOTT!

Und jetzt legen wir noch einen weiteren Ziegelstein obendrauf: Das Alter! Der Arbeitsmarkt zeigt, dass Frauen die Altersdiskriminierung, auf Englisch „Ageism“, stärker erleben als gleichaltrige Mitstreiter:

Schauspielerinnen jenseits der 45 beispielsweise finden keine Engagements mehr, Rollen für diese Altersgruppe gibt es kaum, denn diese Generation kommt im Kino seltener vor. Im Jahr 2014 wurde eine Studie zur Diskriminierung von Frauen in der Filmindustrie von UN Women, der Rockefeller Stiftung und dem Geena Davis Institute veröffentlicht. Das Ergebnis: 30,9 Prozent aller Charaktere sind weiblich. Frauen werden so gut wie nie für Führungspositionen besetzt.

Auch in der Wirtschaft ist das so: Im Führungslevel ist man für eine anspruchsvolle Aufgabe schnell mal zu alt, nicht mehr leistungsfähig, digital und flexibel genug oder schlichtweg zu teuer. Und ja, wir wollen doch keinen Senioren-Vorstand züchten und zu Geschäftsreisen mit dem Rollator fahren!

„Die männliche Angst vor Frauen, die keine Angst mehr haben, die sagen, was sie denken, die über Fachwissen verfügen und obendrein noch führen können, ist nach wie vor groß“ schreibt die Journalistin Simone Schmollack in einem Artikel in der ZEIT. Und weiter: „Eine frühe und ungerechtfertigte Aussortierung aus dem Jobmarkt widerspricht zudem komplett der modernen Arbeitswelt, die auf lebenslanges Lernen und längere Berufszeiten setzt, die über Fachkräftemangel klagt und uneingeschränkte Flexibilität fordert.“

Fotograf: Thomas Wieland

Und doch täte den deutschen Führungsriegen ein bisschen mehr weibliche Weisheit und Besonnenheit gut. Denn das Ende der Erfahrungskultur ist noch längst nicht da: Mögen jüngere die digitaleren Ideen haben, so haben erfahrene, ältere Menschen oft die Gelassenheit und sozialen Kompetenzen, um Projekte wirklich bis zum Ende durchzuziehen und alle dabei mitzunehmen.

Es wird Zeit für einen Paradigmenwechsel für Altersstereotype

Weg von „alt, schwach, vergesslich“ hin zu einflussreich, sozialkompetent, bestens vernetzt, verantwortungsbereit, einfühlsam, kreativ, diszipliniert, gelassen, faszinierend, freundlich, spezialisiert…. Wir brauchen eine gute Mischung von Talenten in unserer Wirtschaft: Frauen. Männer. Junge. Alte. Anfänger. Experten. Revolutionäre. Bewahrer des Systems. Das ist Diversität! Und darin dürfen wir mit grauen Haaren arbeiten!

Meine Meinung: Nur Mut die Damen!

Wir haben die Wahl, ob wir dem Jugendwahn der Mode- und Kosmetikindustrie zum Opfer fallen wollen oder die Ü50-Lebensphase bewusst genießen und mutig gestalten wollen. Nein, wir müssen nicht in die Jeans unserer Töchter passen. Nein, wir müssen unsere Mimik nicht den Faltenwegspritzkuren opfern. Nein, wir müssen mit 50 nicht aussehen wie mit 30.

Wissen Sie, 2015 habe ich mich gewaltig geärgert, denn Procter & Gamble hat das Magazin Victoria ins Leben gerufen für die Frau ab 50 und großflächig in deutsche Briefkästen verteilt. Es war eine einzige Beleidigung für uns Frauen als sog. Best Ager, denn die Inhalte drehten sich um Faltenbeseitigung, Haarefärben und Inkontinenzeinlagen. Soll das die einzige Perspektive sein? Kein Wunder, dass es dieses Magazin nicht mehr gibt und auch das angekündigte Onlineforum dazu jetzt eine andere inhaltliche Ausrichtung hat. Was für ein gewaltiger Schuss in den Ofen und was für eine Abwertung für alle Frauen!

Ja, wir dürfen aufhören, uns jünger zu lügen und uns als „Marktpotential“ der Beautyindustrie zu sehen.

Ja, wir dürfen uns selbst lieben und auch all die anderen wunderbaren Geschöpfe, denen wir im Leben begegnen, ob m/w/d, ob rot-gelockt, mit schwarzem Pagenkopf, ob mit gefärbter blonder Langhaarfrisur oder eben als Silberfüchsin. Jede*r darf aussehen und sein, wie es ihr/ihm gefällt, denn Aussehen und Stil sind ein Ausdruck unserer Individualität und unserer Persönlichkeit.

Ja, wir dürfen unseren Töchtern als graues Role Model ein kraftvolles Ü50-Selbstbewusstsein vorleben, damit sie keine Vorbilder im Kopf haben, die Alter mit Machtlosigkeit sowie Mangel an Gestaltungsmöglichkeiten und Lebensfreude verbinden.

Ja, wir dürfen uns mit Gleichaltrigen verbünden und sie ebenfalls sichtbar machen, um diese Bewegung zu stärken und der Altersdiskriminierung den Boden zu entziehen.

Ja, wir dürfen diese wunderbare Vielfalt feiern und uns in der Lebensphase Ü50 neu und wertig positionieren für eine Wirtschaft, die uns dringend braucht. Denn Ü50 bedeutet: Mehr Lebenserfahrung. Mehr Coolness. Mehr wissen, wo man hinwill. Mehr Gelassenheit und Expertise. Mehr Zufriedenheit. Und das dürfen wir authentisch zeigen: In unserer Frisur, in unserer Selbst-PR und in unserer Haltung!

Wie erleben Sie Authentizität und das Grauwerden in der Lebensphase Ü50? Diskutieren Sie mit mir darüber in LinkedIn oder Twitter!