Freiheit für Kinderaufsätze: Alle Kinder können schreiben!

Kinderschreibmanifest

Neulich im Postfach ein Email von einer Mama: „Mein Sohn tut sich so schwer, Aufsätze zu schreiben. Hast Du einen Tipp, wie wir da helfen können?“ Und wieder denke ich: „Der Deutschunterricht in unserem Land hat ganze Generationen von begabten Autoren auf dem Gewissen!“ Wie oft höre ich von Erwachsenen: „An einer Schreibwerkstatt teilnehmen? Ich? Nein. Mein Deutschlehrer hat immer gesagt, ich kann nicht schreiben!“ Diese verschlossene Türe nimmt Kindern und damit später Erwachsenen die Chance, für sich das Schreiben als wertvolle Ressource zu nutzen. Die sieben Thesen meines Kinderschreibmanifests sollen neue Impulse bringen, damit wir Anleiter von Schreibwerkstätten weniger mit dem Überwinden von Schreibblockaden, sondern mehr mit dem Genießen wunderbarer Geschichten beschäftigt sind:

1. Alle Kinder können schreiben – Geschichten, Gedichte, Romane, alles. So wie jeder Mensch singen kann. Und malen. Jeder Mensch ist auf seine Weise kreativ. Nur hat jeder einen anderen Schwerpunkt. Jedes Kind offenbart seine Fähigkeiten in seinem eigenen Tempo. Das ist in Ordnung. Nochmal: jedes Kind kann schreiben!

2. Jeder Text eines Kindes ist ein perfektes Baby. Ein Baby, das man bewundert und liebt. Wenn ein Baby auf die Welt kommt, sagt kein Mensch: „Oh, das ist aber hässlich, die Ohren sind zu klein, keine Haare und schau Dir mal die Schrumpelfüße an!“ Nein, ein Baby lieben wir von Anfang an, es ist absolut, makellos, perfekt. So wie es ist. Und so ist das auch mit den Geschichten eines Kindes. Wir würdigen seinen Mut und seine Mühe, seine Geschichte zu Papier gebracht zu haben. Ermutigung ist das A und O.

3. Schreibimpulse sind vielfältig, für jedes Kind funktioniert etwas anderes. Unsere Welt ist voller Schreibimpulse! Macht die Augen auf! Oder den Computer an: Unter http://www.dtv-schreibwerkstatt.de/ können Kinder sogar ihre Geschichten veröffentlichen! Oder basteln Sie Ihren Kindern eine Schreibschatzkiste: Vor dem Schreiben einer Geschichte sammeln Sie Dinge aus der Wohnung oder aus dem Wald, die darin eine Rolle spielen sollen. Besonders schön ist die Urlaubsschatzkiste für das alljährliche Schreiben des „Meine Ferienerlebnisse“-Aufsatzes. Oder lassen Sie die Kinder mit den Rory’s Story Cubes Geschichten würfeln! Ist der Funke einmal übergesprungen, können die meisten Kinder mit dem Schreiben gar nicht mehr aufhören.

4. Lest den Kindern vor. Gebt ihnen Bücher. Gehen Sie mit den Kindern in die Bibliothek, auf Lesungen. Seien Sie ein lesendes – und schreibendes – Vorbild für Ihre Kinder! Wer in seinem Leben viele gute Geschichten gehört hat, wird mit viel höherer Wahrscheinlichkeit später selbst gute Geschichten erzählen können. Kinder lernen durch Vorbilder.

5. Haltet die Kinder inspiriert: Bringen Sie sie mit Kunst zusammen, fördern Sie ihre Kreativität. Gehen Sie mit den Kindern ins Museum, in Ausstellungen, fragen Sie, ob Sie bei der Eröffnung einer Vernissage ihr Kind mitnehmen dürfen. Gehen Sie mit ihm ins Theater, in die Oper, in Konzerte. Diese Erlebnisse bleiben bei den Kindern in Erinnerung und bringen Sie auf neue Ideen.

6. Das Schreibhandwerk zu lernen ist etwas für Fortgeschrittene: Junge Menschen mit Selbstvertrauen. Ich habe schreiben durch „Redgiertwerden“ gelernt. Ich saß mit einer Schreibmaschine (sic!) und einem weißen Blatt Papier in einem Praktikum da, und verfasste stündlich neue Versionen einer Pressemitteilung. So lange, bis sie meinem damaligen Chef gefallen hat. Das ging nach einer Weile immer schneller. So lernten Generationen von Volontären das Schreiben in Zeitungen, das Verfassen von Meldungen für’s Radio und das Texten von Fernsehbeiträgen. Kinder haben für diesen Prozess nur selten das Selbstvertrauen. Jede Korrektur empfinden sie als Ablehnung. Viele können ja noch nicht einmal beim Menschärgeredichnicht-Spielen verlieren. Also: Toll, dass Du eine Geschichte geschrieben hast! Wie ging es Dir beim Schreiben? Möchtest Du weiter schreiben? Wenn ja, was brauchst Du dazu?

7. Das Literarische Quartett ist was für Ü50er. Für Kinder ist es am Besten, wenn sie in Schreibwerkstätten von einander lernen. Von den Fragen der anderen Kinder zur eigenen Geschichte, von der Art, wie andere Kinder Geschichten schreiben und wie sie auf das Kind selbst wirkt. Was Kinder nicht brauchen, sind Erwachsene, die sie bewerten, beurteilen und die ihnen sagen, dass das ein schlechter Aufsatz ist. Was Kinder brauchen, sind kreative Schreibimpulse, das richtige Setting für die Schreibumgebung, eine Anleitung zu wertschätzendem Feedback, Papier und Stifte. Und die Ermutigung, immer weiterzuschreiben.

Welche positive Schreiberinnerung haben Sie aus Ihrer Kindheit in Erinnerung behalten?

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