Machtsprech: Was Frauen über Gender-spezifische Kommunikation wissen müssen

Wenn ein Mann spricht, hören alle zu. Wenn die Frau im Meeting präsentiert, schauen die Männer ins Smartphone. Dieses und andere Phänomene werden mir oft aus den deutschen Führungsetagen zugetragen: Weibliche Führungskräfte fühlen sich in Männer-dominierten Umgebungen häufig nicht gesehen und anerkannt. Weil sie ihre Energie in Tagesgeschäftscharmützeln verlieren, kommen Chefinnen oft nicht dazu, ihre Kraft in wirkungsvolle Selbst-PR zu investieren. In diesem Artikel: Warum es so wichtig ist, dass Frauen über geschlechtsspezifische Kommunikation Bescheid wissen.

Verzweifelt gesucht: Funktionierende Strategien für ein besseres Miteinander von Frauen und Männern in den Vorstandsetagen! „Mehr Arroganz, bitteschön!“ – das fordert Dr. Peter Modler in diesem Zusammenhang und entführte die Mitglieder von fünf Münchner Frauennetzwerken im Juli 2016 ins Land der Schaumschläger und Rangordnungskämpfe. In zahlreichen Selbstversuchen provozierte er die anwesenden Damen, nur um sich von ihnen stoppen zu lassen. Er ließ sich von ihnen aus der Reserve locken, um ihnen wirksame Gegenstrategien an die Hand zu geben: „Sagen Sie jetzt mal was ganz Gemeines über mich!“ „Hose und Jackett passen nicht zusammen!“ „Das ist aber fies!“ Gegenstrategien?

Ja, man könnte es unter der Rubrik „Selbstverteidigung“ einordnen: Wenn mal wieder ein männlicher Schaumschläger kommt, der mit null Kompetenz die gesamte Führungsriege von Leistungen überzeugt, die er nie erbracht hat. Und wenn einmal mehr ein Platzhirsch in der Vorstandssitzung ordentlich auf den Tisch haut und sich durchsetzt, obwohl die weiblichen Kolleginnen eigentlich die besseren Argumente gehabt hätten. Dann wird es Zeit für das Arroganz-Prinzip!

Zweisprachigkeit ist gefordert

Diese kommunikative Selbstverteidigung basiert auf der Erkenntnis, dass Männer und Frauen unterschiedlich kommunizieren. Woher kommen diese Unterschiede? Der Grund dafür liegt in unserer Erziehung, sagt Deborah Tannen, eine amerikanische Soziallinguistin und Bestsellerautorin. Sie hat das unterschiedliche Sprachverhalten in der männlichen und weiblichen Kindheit untersucht und beschreibt in ihrem Buch „Du kannst mich einfach nicht verstehen“, wo dieser Stolperstein in Sachen Selbst-PR herkommt:

  • Männer befinden sich in einem „vertikalen“ Kommunikationsmodus, der sich zwischen den Achsen Rang, Status und Revier bewegt. Durchsetzungsstärke, Entscheidungsfreude, Risiko und Territorialverhalten – das ist Männern wichtig. Wer ist der Chef? Wer hat das größte Auto, Büro? Das müssen Männer immer wieder klären, um überhaupt mit der Arbeit anfangen zu können.
  • Die Achsen ihres Koordinatensystems der Frauen heißen: Zugehörigkeit und inhaltliches Interesse. Es zählen Gleichberechtigung, Gemeinsamkeiten, Teamgeist und Höflichkeit. Wenn Frauen in einer Gruppe arbeiten, sind alle immer gleich, keine ist besser als die andere. Wer die Chefin raushängen lässt, bekommt Probleme: „Ist die arrogant!“ oder „Was glaubt sie, wer sie ist?“. Erfolge werden nivelliert, denn für Frauen ist wichtiger, gemocht zu werden, als einen guten Status zu haben. Und aus dieser Haltung heraus fällt es vielen Frauen im Berufsleben später schwer, sich selbst zu vermarkten. Immer steht der Slogan „Nimm Dich nicht so wichtig!“ dazwischen! Da werden Doktortitel weggelassen, man erzähl eben nicht, dass man schon ein ganzes Werk reorganisiert oder eine wichtige Auszeichnung bekommen hat.

Weil das ja alles nicht so wichtig ist, man selbst ja auch nicht, fehlt das Selbstvertrauen. Der Schauspieler und Speaker Lutz Herkenrath berichtete einmal in einem Vortrag darüber, dass viele Frauen in einer „überqualifizierten Mutlosigkeit“ verharren, d.h. sie absolvieren noch eine Ausbildung und noch eine Schulung und noch ein Zertifikat – und bewegen sich doch nicht vom Karrierefleck, während die männlichen Kollegen schon längst „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ erwirtschaftet haben.

Im Gegensatz zu Frauen nutzen Männer Sprache viel öfter als Machtinstrument, senden völlig andere Körperbotschaften und zeigen ein ausgesprochenes Revierverhalten. Und weil für Frauen weder das männliche Territorialverhalten noch die allgegenwärtigen Rangordnungskämpfe eine Rolle spielen heißt es: Lernen, wie die Männer ticken. Und: Lernen, wie wir Frauen ticken!

Aus dem echten Leben

Dr. Peter Modler erklärte das anhand von Kinderspielen: Während sich seine Töchter in komplexe Rollenspiele verstrickten, spielten zwei Nachbarsjungen stundenlang einen Dialog aus der Perspektive von Müllbehältnissen nach: „Ich bin die Hauptmülltonne und du nur der gelbe Sack!“ „Nein: ICH bin die Hauptmülltonne und DU nur der gelbe Sack!“ Stundenlang. Erinnert dieser Hahnenkampf nicht an die letzte Abteilungsleitersitzung?

Diesen Machtdemonstrationen begegnet Frau am besten mit Arroganz – nicht als Lebenshaltung, wohl aber als effektives Werkzeug einer genderspezifischen Kommunikation, sagt Dr. Peter Modler und fordert: „Führungskräfte müssen zweisprachig sein!“ Und damit meint er nicht Englisch und Französisch, nein, sie sollen „vertikal“ und „horizontal“ kommunizieren können!

Auch die Psychologin Silke Foth plädiert in ihrem ganz wunderbaren Buch „Erfolgsrituale für Business Hexen“ für einen gelassenen Umgang mit Machtdemonstrationen der Männer: „Männer sprechen eine andere Sprache. Wenn Sie mit einem Mann sprechen, sollten Sie im Hinterkopf simultandolmetschen.“ Und sie empfiehlt: „Seien Sie nicht höflich, seien Sie ritualbewusst!“ Denn nur wer die Rituale der Männer entlarven kann und auch die eigenen Rituale kennt, kann damit konstruktiv umgehen und sich positiv auf eine veränderte Kommunikations- und Anerkennungskultur einstellen. Mit dem Ritualwissen im Hinterkopf gelingt es auch leichter, sich auf die Selbst-PR zu konzentrieren, denn hier können Frauen – so Silke Foth – von den Männern durchaus etwas lernen: „Männer stellen 60 Prozent Leistung wie 100 Prozent dar. Frauen stellen 100 Prozent Ergebnis wie 60 Prozent dar – wenn überhaupt.“

Bescheidenheit ruiniert das Chefimage

Fehler machen Modlers Erfahrung nach auch Frauen untereinander. Zum Beispiel, wenn eine Frau aus einem reinen Frauenteam aufsteigt und sich als Führungskraft nicht über die anderen stellen will: „Levelling“ nennt Modler das. Da wird schon mal auf das schicke Kostüm verzichtet oder auf den Dienstwagen, was dazu führt, dass die anderen denken: „Die will ja gar nicht Chef sein!“

Aus den Fragen aus dem Publikum inszenierte Modler auf dem Münchner Netzwerkabend spontan kleine Management-Meetings, subtile Übergriffe auf Teilzeitkräfte am Schreibtisch oder Budgetverhandlungsscharmützel. Interessant, wie er…

  • die Körpersprache der „Versuchsfrauen“ neu gestaltete,
  • die Rolle der Lautstärke, Pausen oder die Macht der wenigen Worte vorführte,
  • den Ablauf von Meetings in neue Dimensionen lenkte, nur indem er erklärte, wie eine Chefin ein Meeting betreten soll: Niemals zu früh, wirkungsvoll, gelassen und keineswegs hektisch.

Also, Hauptmülltonne oder gelber Sack? Wenn frau weiß, dass es bei den Jungs eine Rolle spielt, lernen wir gerne, in Zukunft stärker auf den Putz zu hauen. Ein bisschen Arroganz muss sein! Und dann klappt’s auch bei der nächsten Budgetverhandlung!