Wie man den Zeitgeist einfängt – Interview mit Angelika Neumann

(c) Angelika Neumann
(c) Angelika Neumann

Künstler sind seit jeher die Menschen, die die aktuellen Trends in der Gesellschaft erkennen. Ob Modedesigner, Maler oder Bildhauer – sie machen das Neue sichtbar. Angelika Neumann ist nicht nur Künstlerin, sondern auch Unternehmensberaterin. Von ihr wollte ich wissen, wie Menschen und Unternehmen die Kunst und ihre Kreativität am besten nutzen können.

Wer sich ins Gespräch bringen will und deshalb Public Relations betreibt, steht häufig vor der Herausforderung, komplexe Sachverhalte sichtbar zu machen, für Phänomene die richtigen Wörter zu finden und Wettbewerbsvorteile plakativ darzustellen. Sich auszudrücken, die richtigen Worte zu finden – das ist manchmal gar nicht so einfach.

Tue Gutes und rede darüber – so lautet PR-Motto, das Selbständigen, Unternehmern und Führungskräften den Weg weist, wie sie sich, ihre Leistung und ihr Unternehmen wirksam ins richtige Licht rücken können. Manchmal helfen beim „Drüberreden“ und beim Finden der richtigen Worte unkonventionelle Methoden.

Eine unkonventionelle Frau ist Angelika Neumann. In einer sehr seltenen Mischung vereint sie Künstlerin und Unternehmensberaterin in einer Person. Zahlen, Daten, Fakten – das ist ihre Welt. Aber auch: Die Kunst, mit der es spielerisch gelingt, nicht nur Situationen, Leistungen, Erfolge zum Vorschein zu bringen, sondern auch Lösungen zu visualisieren, Teams zu neuen Leistungen anzuspornen und Zeitgeister aller Art einzufangen.

Ganz leicht entsteht dadurch das Neue, die Innovation, die Zukunft. Ich war neugierig, wie Angelika Neumann das macht, deshalb habe ich sie interviewt:

Angelika NeumannLiebe Angelika, Künstlerin und Unternehmensberaterin – das ist eine ungewöhnliche Kombination. Bist Du entweder das eine oder das andere – oder immer beides?

Angelika Neumann: „Ich bin beides und noch vieles mehr – so wie jeder Mensch. Es ist nur nicht immer alles nach außen sichtbar. So wie bei jedem Menschen. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch viel mehr Potenzial in sich trägt, als er ahnt.

Mathematik und Kunst, wissenschaftliches Arbeiten und Kunst, Unternehmensberatung und Kunst sind für mich eher wie zwei Seiten einer Medaille: Unterschiedlich und doch verwandt. Und wir müssen die andere Seite nicht ablehnen, nur weil wir uns mit der einen identifizieren.

Dieses Thema greift übrigens auch Tim Minchin, ein australischer Comedian, auf. Er hat eine Rede vor Absolventen der Universität von Westaustralien gehalten. Darunter waren Studenten aus verschiedenen Wissenschaftszweigen und dem Bereich der Kunst. Eine sehenswerte Rede!

Die Welt um uns herum wird immer vielschichtiger, schneller und komplexer – zumindest nehmen immer mehr Menschen sie so wahr. Bleibt da noch genug Zeit für Innehalten, Inspiration und Kunst?

Angelika Neumann: „Gerade in Zeiten der extremen Beschleunigung ist es besonders wichtig, sich selbst die Zeit zu schenken. Oh, dieses Thema ist so vielschichtig.

Wir könnten jetzt z.B. darüber sprechen, warum Menschen und Tiere schlafen. Der Schlaf hat eine wichtige Funktion. Der Körper regeneriert sich. Ich stelle mir dabei immer eine Waschmaschine vor. Im Schlaf wird das Gehirn durchgespült. Dabei kommen mir nachts gute Ideen. Wenn ich erst einmal über ein Thema schlafe, wache ich oft mit einem neuen Impuls auf.

Im Schlaf bleibt es aber oft auf der unbewussten Ebene. Um diese Impulse auch ins Bewusstsein zu holen, helfen kleine Rituale, wie z.B. Morgenseiten schreiben – das ist das ziellose Schreiben am Morgen – oder Meditation. Das sind Rituale, die jeder einzelne für sich nutzen kann.

Aber auch Unternehmen brauchen Rituale, um sich permanent weiterzuentwickeln, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Ständig kommen neue Entwicklungen – darin stecken Chancen und Risiken. Die Rituale für Unternehmen sind andere, das können ganz kleine Rituale sein, wie z.B. eine Besprechung im Spazierengehen oder große Veränderungen wie z.B. neue Arbeitsmodelle.“

Und wie kommt da jetzt die Kunst ins Spiel?

Angelika Neumann: „Nun die Kunst – Bilder malen, skizzieren, Collagen erstellen – ist ein sehr wirkungsvolles Ritual. Ich habe gesehen, dass Du selbst auch sehr kreative Sketchnotes gestaltest. Immer eine Kombination aus Text und Bild. Insofern erzähle ich Dir nichts Neues. Das Bild spricht andere Gehirnbereiche an. Es kommen neue Assoziationen. Gerade, wenn man auf der Suche nach etwas ganz Neuem ist, ist die Sprache des Bildes sehr stark.

In jedem Fall geht es darum, sich bewusst die Zeit zu nehmen, ja zu schenken. Das ist eine bewusste Entscheidung für Innehalten, Inspiration und ja auch für die Kunst.“

Nehmen sich die Menschen und Unternehmen auch die Zeit dazu? Da geht es doch immer nur um Effektivität!

Angelika Neumann: „In der Unternehmensberatung gibt es einen uralten Witz: von dem Mann, der mit einer stumpfen Axt Holz hackt. Er klagt, dass er keine Zeit hat, die Axt zu schärfen, weil er noch so viel Holz hacken muss. So alt dieser Witz ist, so oft findet man diese Situation in Unternehmen vor.

Im ersten Moment sieht es so aus, als würde es uns zusätzlich Zeit kosten. Ja, wir müssen erst einmal Zeit investieren. Aber im zweiten Schritt hilft uns diese investierte Zeit, sinnvoll Prioritäten zu setzen, die für uns stimmigen Entscheidungen zu treffen und natürlich auch effizienter zu arbeiten.

Mir hilft es, eine reservierte Zeit zu haben. Meine Verbündeten: Mein Hund, andere Künstler und Workshops. Mein Hund sorgt für die täglichen Auszeiten. Ein Spaziergang, in dem ich die klare Luft genieße, das Zwitschern der Vögel höre, das zarte frische Grün der Buchen, die gerade jetzt ihre ersten Blätter austreiben.

Wenn ich zu wenig Zeit zum Malen finde, verabrede ich mich mit anderen Künstlern, um gemeinsam in meinem Atelier zu malen. Das ist reservierte Zeit zum Abschalten.

Oder ich besuche einen Workshop. Dieses Jahr gehe ich für vier Wochen nach Florenz, um in einer inspirierenden Atmosphäre mit wunderbaren Modellen Portraits zu malen.

Für die kleinen Rituale, wie Morgenseiten oder Collagen, habe ich immer einen Fundus, den ich spontan nutzen kann.“

Von Künstlern sagt man immer, dass sie den Zeitgeist erfassen können. Wie siehst Du das?

Angelika Neumann: „Ich weiß nicht, ob ich den Zeitgeist erfasse. Das ist nicht meine wichtigste Frage. Das wäre eine Bewertung und Bewertung bremst Kreativität.

Was ist bei Künstlern anders? In der künstlerischen Arbeit und auch in dem Label Künstler steckt unglaublich viel Freiheit. Das erleichtert es ungemein, anders an Aufgaben heranzugehen. Ich genieße die Freiheit, die darin steckt.

Und ich bin absolut überzeugt, dass Kreativität in Zukunft für immer mehr Menschen und Unternehmen eine immer größere Rolle spielt. Ken Robinson  sagt in einem Vortrag Do Schools kill Creativity?: Wir wissen nicht, welche Probleme unsere Kinder in 60 Jahren lösen müssen. Insofern ist es nicht hilfreich, ihnen feste Konzepte und Antworten zu geben. Wir müssen ihnen helfen, ihre Kreativität zu erhalten und weiter zu entwickeln, um neue Chancen und Herausforderungen zu sehen und zu lösen.

Das gilt auch für Unternehmen: Mit dem Internet gibt es vielfältige kreative Entwicklungen. Es ist möglich, sich weltweit Inspiration zu holen. Dadurch schaukeln sich die Erkenntnisse, die Fähigkeiten in einer unglaublichen Geschwindigkeit hoch. Wir sehen andere Menschen auf der anderen Seite der Welt, die ähnliches machen und tauschen uns aus. Das ist ein Booster.

Übrigens ist das Kopieren ein wichtiger Anteil von Kreativität. Einen sehr guten Vortrag über Kreativität gibt es von Tim Brown, dem CEO einer Firma für Innovation und Design: Tales of creativity and play.

Immer mehr Unternehmen werden eine innovative, vertrauensvolle Atmosphäre für kreative Prozesse schaffen. Die Entwicklung ist bereits im Gang.“

Angelika, Du arbeitest oft an komplexen Sachverhalten oder begleitest Menschen bei den Fragen: Wo stehe ich, wo will ich hin? Wie hilft die Kunst dabei?

Angelika Neumann: „Das ist so faszinierend. Bilder haben die Kraft, das Unsagbare zu sagen. Unbewusstes wird sichtbar. Mit der Kunst erschließen wir uns einen neuen Raum. Das künstlerische Schaffen macht etwas sichtbar, was wir noch nicht in Worte fassen können.

Wir können mit Kunst etwas ausdrücken, wofür uns die Worte fehlen. Zum anderen kann Kunst uns inspirieren, Querverbindungen herzustellen, unsere Fantasie schweifen zu lassen und damit auch Worte zu finden, die uns ohne Kunst in diesem Zusammenhang nicht in den Sinn gekommen wären.

Dabei geht es nicht darum, tolle Kunstwerke zu schaffen, sondern sich auf den Schaffensprozess einzulassen. Das Ergebnis steht nicht fest, es kommt im Machen, im Spiel. Es entsteht ein Dialog zwischen Bild und Künstler.“

Kunst bringt also das Neue hervor. Hilft das Unternehmen auch bei der Herkules-Aufgabe Innovation?

Angelika Neumann: „Aber selbstverständlich! Kunst bzw. der künstlerische Prozess ist dafür hervorragend geeignet. Immer wenn es um neue Ideen geht, können wir mit künstlerischen Methoden den Ideen freien Lauf lassen. Kreativität ist kein geradliniger Prozess. Wir müssen Umwege gehen, altes kopieren, neu kombinieren, um später beim Neuen zu landen.

Wenn Unternehmen wirklich etwas ganz Neues finden wollen, eine vermarktbare Innovation, dann müssen sie beim kreativen Spiel anfangen. Es gibt keine Abkürzung. Erst kommt die Masse an Ideen, dann die Bewertung. Kunst hilft bei der Masse der Ideen. Spielen, Lachen, Blödsinn machen, Ausprobieren.

Beim Arbeiten mit Bildern kommt jeder ‚zu Wort‘. Jeder bringt seine Ideen, seine Bilder ein, auch der Zurückhaltende. Damit werden vielfältigere Ideen generiert.“

Für Deinen Blog schreibst Du gerade eine Reihe von Texten und Du hast mir von einer ungewöhnlichen Methode berichtet, Deine Texte zu schreiben. Wie gehst Du dabei vor?

Angelika Neumann: „Inspiration hole ich mir z.B. aus einer spontanen Collage. Dazu habe ich bereits einen Fundus an Zeitungsausschnitten und ausgedruckten Fotos und Bildern.

Ich stelle mir eine Frage und suche dann spontan, drei vier Bilder aus. Diese Bilder lege ich zu einer Collage auf ein Blatt. Manchmal klebe ich die Bilder fest, manchmal fotografiere ich die Collage und löse sie danach wieder auf.

Ebenso spontan erhält die Collage einen Titel. Dann überlege ich, was diese Collage, die einzelnen Bilder, der Titel, mit der Frage zu tun haben. Und dann fange ich an, zu schreiben. Es ist faszinierend, was dabei herauskommt. Bilder sagen einfach mehr als tausend Worte. Das bestätigt sich mit jeder Collage. Collagen sind sehr vielseitig anwendbar.“

Vielen Dank, liebe Angelika, dann geh‘ ich jetzt los und klebe meinen nächsten Blogartikel auf….

Über Angelika Neumann:

Angelika Neumann ist logisch-analytische Künstlerin und kreativ-sinnlicher Consultant. Ihr Credo: Kunst inspiriert kreatives Wirtschaften! Und wirtschaftliche Grundsätze machen es möglich, von seiner Kunst zu leben. Für Unternehmen entwickelt sie Strategien und Lösungen, die Logik und Intuition, Mitarbeiter und Geschäftspartner gleichermaßen einbeziehen: Mit kreativen Strategie-Workshops im Atelier, mit Programmen, die Mitarbeiter neu motivieren und zu Spitzenleistungen begleiten und mit Workshops, die mit besserer Kommunikation für ein leichteres Zusammenwirken der Abteilungen – und damit für bessere Ergebnisse – sorgen.

Webseite, Blog

Kurzinfo offene Workshops:

Wo stehe ich? Wo will ich hin?“ 28.05./29.05.2016, 10:00 bis 16:00 Uhr

Kreativität freisetzen – Wir lassen der Kreativität freien Lauf“ 25.06./26.06.2016, 10:00 bis 16:00 Uhr

Coaching- und Kunstworkshops mit Susanne Bergmühl und Angelika Neumann in Nürnberg, Infos und Anmeldung unter: http://blog.artstudio30.com/wo-stehe-ich-wo-will-ich-hin/

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s