Als mein Kühlschrank mein PR-Agent wurde

Es fing damit an, dass ich meinen Kindle nicht wie sonst auf den Tisch, sondern auf den Kühlschrank legte. Es war Liebe aufs erste Byte: Der Kühlschrank verband sich über Bluetooth mit dem Kindle und sie wollten fortan gemeinsam durchs Leben gehen. Ich kam in ihrem Lebensplan nicht vor, nur virtuell. Ich hatte das Ende der Privatsphäre verschlafen.

Nur schnell Semmeln holen: Ich nahm das Fahrrad, 20 Euro, einen Brotbeutel und verließ das Haus. Dann ging alles ganz schnell:

Der Kühlschrank wollte dem Kindle gefallen und ihm ganz viel Lesestoff schenken. Er brauchte also einen Rechner. Er bot dem PC an – sollte er sich jemals eine Serverfarm anlegen wollen – mit Kühlung auszuhelfen und der PC nahm sein Angebot an. Als erstes checkten sie mein Konto – nun für 1000 Bücher der Weltliteratur und eine Serverfarm würde es nicht reichen. Also starteten sie ein Kostenoptimierungsprogramm und eines, um meine Einnahmen schnell zu erhöhen.

Sie entwickelten Killercontent, stellten ihn auf meinen Blog, richteten Laterpay und einen Werbekanal auf meinem Blog ein, installierten Affiliate-Programme und posteten auf allen Social Media-Plattformen, was das Zeug hielt. Sie konstruierten aus meinen digitalen Spuren, die ich z.B. in Suchmaschinen, Facebook, Online-Buchhändlern und –Kaufhäusern hinterlassen hatte, einen Avatar. Mein Avatar zauberte ganz schnell einen teuren 20-teiligen Video-Kurs und ich wurde eine bekannte YouTube-Personality, die 2016 in Davos Staatsoberhäupter interviewen sollte. Das alles, während ich beim Bäcker noch überlegte, ob ich Mohn- oder Sesamsemmeln kaufen sollte.

Der PC und der Kühlschrank verschickten Presseinformationen, veranstalteten mit meinem Avatar eine virtuelle Pressekonferenz und schon am nächsten Tag sollte ich mich beim Bäcker selbst auf den Titelblättern der letzten verbliebenen bayerischen Gazetten finden. Aber ich war noch mit Überlegungen pro oder contra Schokoladencroissant beschäftigt.

Derweil startete das Programm zur Kostensenkung: PC und Kühlschrank wiesen die elektronischen Jalousien an, sich im Winter – Heizkosten-sparend – schon um 17 Uhr zu schließen und erst um 9 Uhr zu öffnen. Sie steuerten die Heizung auf 19 Grad Raumtemperatur und auch die Beleuchtung wurde gedimmt.

Meiner Krankenkasse teilten sie mit, dass ich ausschließlich Brokkoli und Himbeeren im Kühlschrank lagerte und auch meine Fitnessuhr lieferte ganz neue Werte an die Server der Organisation. Mein Tarif halbierte sich spontan. Derweil saß ich auf dem Fahrrad und freute mich auf den Heimweg. Die Haustechnik hatten sie bereits komplett okkupiert. Der Fingerabdruckscanner verweigerte mir an der Haustüre den Zugang.

Beim Blick in die Küche durchs Fenster sah ich, wie der Kindle dem Kühlschrank vorlas. Ich hatte schon von anderen Fällen gehört, in denen Küchengerate, IT und Haustechnik Allianzen gegen ihre Besitzer geschlossen hatten.

Ich nahm die Semmeln und das Fahrrad und fuhr los. Jetzt war ich frei. Ich hatte schon von einer Selbsthilfegruppe von Bluetooth-Opfern im Wald gehört. Mal sehen, was denen passiert war.

Und was macht Ihr Kühlschrank, wenn Sie das Haus verlassen?

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