Werte sind immer im Wandel – Fünf Fragen an die Spezialistin für interkulturelle Wirtschaftsethik Prof. Dr. Simone Rappel

Prof. Dr. Simone Rappel

Prof. Dr. Simone Rappel ist Diplomtheologin, Religionswissenschaften M.A. und interkulturelle Trainerin/Coachingfrau. Als langjährige Führungskraft im Management einer der größten Non-Profit-Organisationen weiß sie, was es heißt, interkulturell zu verhandeln und partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Weil sie sich auf interkulturelle Wirtschaftsethik spezialisiert hat, wollte ich von ihr wissen, wie sich Werte hier und im Ausland unterscheiden.

Simone, als Professorin hältst Du Vorlesungen in Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau. Wie sehen die Studenten heute das Thema Werte?

Prof. Dr. Simone Rappel: „‘Werte müssen gelebt werden und dürfen kein Lippenbekenntnis sein.‘ Das ist das erste, was die Studierenden sagen. Gerade die Wirtschaftskrise hat bewusst gemacht, wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen, die Folgen des Tuns zu bedenken und für Fehler einzustehen. Ethik ist zunehmend gefragt. Anstand, Maßhalten, Ehrlichkeit, Redlichkeit und Integrität zählen. Die Aussage Josef Ackermanns bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank, dass es letztlich kein Geschäft wert sein dürfe, den Ruf und die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens aufs Spiel zu setzen, wurde positiv registriert und als Hinweis für ein gutes Management verstanden. Das Bewusstsein wächst, dass Werte Grundlage für Wertschöpfung sind. Großes Interesse gibt es bei den Themen Compliance und Wertemanagement. Die Studierenden begreifen, dass sich der gute Ruf eines Unternehmens ganz entscheidend darüber definiert, welche Werte gelten und wie sie gelebt werden. Werte gehören für viele aus der Reihe künftiger Führungskräfte ganz selbstverständlich zu einer guten Unternehmens- und Führungskultur dazu. Viele möchten später einmal bei einem Unternehmen arbeiten, das einen gelebten Wertecodex vorweist.“

Findet Deiner Meinung nach tatsächlich ein Wertewandel statt oder leben wir heute nur die Werte, die Generationen vor uns bereits hatten?

Prof. Dr. Simone Rappel: „Werte sind immer im Wandel. Auffallend ist, dass überall auf der Welt zu allen Zeiten von allen Kulturen Werte ausgebildet wurden. Diese sind Leitplanken eines guten Handelns, das ein gedeihliches Zusammenleben in Recht und Ordnung, in gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung ermöglicht. Herrscher zum Beispiel wurden nach einem bestimmten Wertekanon erzogen, egal ob in China, in Indien oder in den Machtzentren der griechisch-römischen Antike. In Westeuropa waren es die klassischen, in der griechischen Philosophie gelehrten Tugenden, die durch den Einfluss des Christentums als erzieherisches Ideal galten: Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, das Wissen um das rechte Maß und schließlich die Klugheit. Dazu kamen später die bürgerlichen Sekundärtugenden, die nicht unwesentlich vom protestantischen Arbeitsethos geprägt sind: Fleiß, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein.

Vor nicht allzu langer Zeit waren Tugenden und Werte überhaupt nicht populär. Sie galten als antiquiert, rochen miefig, wurden mit kleinkariertem Denken gleichgesetzt und standen unter Verdacht, die Freiheit des Menschen zu gängeln. Nicht selten wurden die Kirchen mit ihrer Moralpredigt als nicht erwünschte Sittenwächter und Spaßverderber abgetan. Was sollte schon gut sein an Maßhalten, wo ich mich doch aus der Fülle grenzenlos bedienen kann? Warum soll man die Wahrheit sagen, wenn der Ehrliche der Dumme ist. Heute gehen Manager in Klöster und denken über das rechte Maß nach. Das rechte Maß an Arbeit und Freizeit, die Work-Life-Balance, das rechte Maß an Managergehältern, das rechte Maß an Gewinnmaximierung, wenn es Menschen den Arbeitsplatz kostet. Das Nachdenken um Werte und Tugenden boomt. Man entdeckt in ihnen Sinnstiftung und Wegweisung. Es ist eine Entdeckung alter Weisheit, die auf unseren Kontext hin neu durchbuchstabiert und dadurch auch weiter entwickelt wird.“

Du trainierst viele Führungskräfte für die Kommunikation mit Kollegen im Ausland, vor allem für den Einsatz in Indien. Wie unterscheiden sich unsere Werte von denen anderer Länder?

Prof. Dr. Simone Rappel: „Werte sind von der Kultur geprägt. Die klassischen Tugenden der Wahrhaftigkeit, der Gerechtigkeit, des Maßhaltens und der Klugheit lassen sich überall finden. Sie sind unterschiedlich geprägt. Das heißt: Werte können von ganz unterschiedlichen ideologischen Positionen her gefüllt werden und brauchen diese Vielfalt, um im jeweiligen Kontext gelebt zu werden. Als Hindu, Muslim, Christ und Atheist kann man, egal an welchem Ort der Welt man lebt, zu der Erkenntnis kommen, dass Menschen menschenwürdig leben sollen oder die Umwelt zu schützen ist. Das Ergebnis ist das gleiche, der Weg dorthin ein anderer. Die Herausforderung, um diese Vielfalt zu managen,  besteht vor allem im Hören aufeinander und in der Achtsamkeit auf die Erkenntnisse und Weisheiten der jeweils Anderen. Das erfordert eine Haltung des Respekts, der Andersheit in seiner Andersheit wahrnimmt und sich auf der Basis der Gegenseitigkeit auseinandersetzt.“

Kannst du uns konkrete Beispiele geben, wie sich das im Alltag zeigt?

Prof. Dr. Simone Rappel: „In der Tat ist in der Zusammenarbeit mit Menschen aus anderen Kulturen vieles zunächst befremdlich. Andere Länder, andere Sitten. Dabei ist gerade interessant, was für Werthaltungen hinter den unterschiedlichen Verhaltensmustern stehen. Der Westen ist vom Individualismus geprägt. Ich-dominiert. Meine Bedürfnisse stehen im Vordergrund. Dagegen überwiegt in den asiatischen Ländern das Gemeinschaftsbewusstsein. Der einzelne muss seine Bedürfnisse unterordnen.

Konkret heißt das zum Beispiel: In Indien sind quer durch alle Gesellschaftsschichten hindurch 95% aller Ehen arrangiert. Wir heiraten aus Liebe und gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass wir uns unseren Partner selbst aussuchen. In Indien ist es Aufgabe der Eltern, für ihre Kinder einen passenden Partner zu finden. Ich fragte einmal eine gut ausgebildete Frau aus reicher Familie, ob es sie denn nicht störe, verkuppelt zu werden. Im Gegenteil, sagte sie. Meine Eltern lieben mich und ich kann sicher sein, dass sie mir den besten Mann aussuchen. Im Hintergrund steht das unterschiedlich bewertete Gewicht von Ich und Wir. In Indien und anderen kulturell ähnlich tickenden Ländern haben viele Familien kein Problem mit Dumpinglöhnen oder Kinderarbeit. Hauptsache einer hat Arbeit und kann mit dem Geld seine Familie versorgen. Egal, unter welch schwierigen Bedingungen er schuftet. Da fällt es schwer mit Vorschriften zum Arbeitsschutz zu kommen.

Ein anderes typisches Feld, wo sich die Kulturen unterscheiden, ist die Bewertung von Hierarchie und Status. In Indien ist ein Top-Down-Führungsstil angesagt mit einem starken Boss an der Spitze, der alles anweist und kontrolliert. So bekommen zum Beispiel IT-Ingenieure von ihrem Vorgesetzten täglich eine E-Mail, was sie genau an diesem Tag zu tun haben. Nicht, dass sie es nicht wüssten. Nein, sie warten auf diese Anweisung, mit der ihr Chef Interesse an ihrer Arbeit zeigt. So ein Führungsstil passt zu einer Gesellschaft, die Kasten kennt und Unterschiede betont. Da hat jeder genau das zu tun, was für ihn vorgesehen ist. Nicht mehr und nicht weniger. Deutsche Führungskräfte bringt so etwas auf die Palme. Sie sind eher konsensorientiert und packen schon mal an, wenn es eng wird. Würde in Indien der Chef das benutzte Geschirr selbst vom Konferenztisch wegräumen, schnell mal Kaffeekochen oder auch eine Lieferung aufräumen, die gerade angekommen ist,  hätte er sein Gesicht verloren. Er tut nach indischem Maßstab etwas, was nicht seine Aufgabe ist.

Ein Klassiker hinsichtlich unterschiedlicher Wertpräferenzen ist das Zeitverständnis. Wir ticken linear. Unserer Vorstellung nach gibt es ein gestern, ein heute und ein morgen. In Hindi gibt es ein und dasselbe Wort für gestern und morgen: kal. Versucht man es zu übersetzen, dann trifft am ehesten die Bedeutung: Nicht jetzt. Nicht jetzt kann in vieles heißen. Eine Eindeutigkeit fehlt. Sie erschließt sich erst aus dem Kontext. In Indien herrscht ein zyklisches Zeitverständnis, eingebettet in die Vorstellung, dass das Leben in einem Kreislauf von Wiedergeburten besteht und es spätestens im nächsten Leben eine neue Chance gibt. Daraus resultieren ganz andere Vorstellungen von Pünktlichkeit und Verbindlichkeit.“

Welcher ist Dein Lieblingswert?

Prof. Dr. Simone Rappel: „Mein Lieblingswert ist Integrität. Damit meine ich Echtheit, Authentizität, Verlässlichkeit. Reden und tun müssen übereinstimmen. Im Englischen gibt es das schöne Wort: ‚Walk your talk!‘ Das hat für mich mit Glaubwürdigkeit zu tun. Ich kann anderen nichts abverlangen, wozu ich selber nicht bereit bin. Dazu passt ein Satz von Mahatma Gandhi: ‘Be the change you want to see in others!’ Nicht meckern und klagen, sondern selber schauen, was zu tun ist und dann andere mit gutem Beispiel überzeugen.“

Vielen Dank!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s